„Glaube ist die Freiheit, die Welt als Welt sein zu lassen und sich ganz auf das Unsichtbare zu verlassen.“
Werkverzeichnis Nr: 14-TP-0079
Technik: Tusche, Aquarell auf Zeichenpapier 200(b) x200(h) mm
Signiert auf der Vorder-und Rückseite
In meiner Serie „Canto infinito“ nimmt Rudolf Bultmann (1884–1976) einen besonderen Platz ein. Er ist der Denker der „Entmythologisierung“. Für meine Homepage-Besucher und Kursteilnehmer habe ich sein komplexes Werk in vier Kernpunkten zusammengefasst, die auch mein künstlerisches Schaffen leiten:
1. Das Wesentliche freischälen (Entmythologisierung): So wie ich in der Tuschezeichnung alles Überflüssige weglasse, wollte Bultmann den Kern der christlichen Botschaft von zeitgebundenen Vorstellungen befreien. Es geht nicht um die „Wunder“ der Vergangenheit, sondern um die Wahrheit, die mich heute in meinem Innersten trifft.
2. Sein statt Haben: Bultmann fordert uns auf, unsere Sicherheiten (Besitz, Erfolg, Ansehen) loszulassen. Der Mensch ist nicht das, was er „hat“, sondern das, was er im Angesicht der Ewigkeit „ist“. In dieser radikalen Nacktheit liegt die wahre Würde des Menschen.
3. Die Entscheidung im Augenblick: Glaube ist für Bultmann kein festes Wissen, sondern ein Wagnis, das wir in jedem Moment neu eingehen. Wie der Pinselstrich auf dem Papier ist die Entscheidung für die Liebe und die Wahrheit eine Tat des Hier und Jetzt.
4. Mut zur Existenz: Bultmanns Theologie wirkt oft streng, weil sie uns den falschen Trost nimmt. Doch gerade darin liegt ein tiefer Friede: Wer gelernt hat, dass er sich selbst nicht „retten“ muss, gewinnt die Freiheit, die Welt mit gelassenen Augen zu sehen.
Bultmanns Denken erinnert mich an die Stille vor dem ersten Pinselstrich. Es ist ein Moment der absoluten Ehrlichkeit. Für mich ist die Kunst ein Weg, diese existenzielle Tiefe sichtbar zu machen – jenseits der lauten Welt des ‚Habens‘ suchen wir im ‚Canto infinito‘ nach dem bleibenden ‚Sein‘.
Rudolf Bultmann ist der „Entzauberer“ in meiner Porträtserie. In der Tuschezeichnung fange ich seinen wachen, fast bohrenden Blick ein. Bultmann stellte die radikale Frage: Was bleibt vom Glauben übrig, wenn wir die alten Mythen beiseite lassen?
In einer Zeit der politischen Absurdität und heute, in einer Welt des kalten wirtschaftlichen Kalküls, erinnert uns Bultmann daran, dass der Mensch nicht durch das gesichert wird, was er besitzt oder kontrolliert. Sein Denken ist ein Aufruf zur existenziellen Ehrlichkeit. Während Karl Barth die Ferne Gottes betonte, suchte Bultmann die Wahrheit im Hier und Jetzt des menschlichen Augenblicks. Ein Porträt über die Kraft, sich der Unsicherheit des Lebens zu stellen und darin eine Freiheit zu finden, die keine Aktie und kein Staat garantieren kann.
„Viele von uns suchen in der Kirche Sicherheit und Tradition. Rudolf Bultmann erinnert uns daran, dass der Glaube auch ein Wagnis ist. Er fordert uns auf, die Sicherheiten der Welt loszulassen, um der ungeschminkten Wahrheit Gottes zu begegnen. Das kann sich im ersten Moment einsam oder ‚gottlos‘ anfühlen, aber es führt zu einer tiefen, inneren Aufrichtigkeit, die keine Krise der Welt zerstören kann.“
„In der Kunst wie im Glauben geht es bei Bultmann um die Konzentration auf das Wesentliche. So wie eine Tuschezeichnung alles Überflüssige weglässt, um die Seele eines Menschen zu zeigen, so wollte Bultmann die Theologie von allem Ballast befreien. Sein Denken ist eine Einladung, die Stille hinter dem Lärm der Welt zu suchen.“