„In einer Zeit, die immer lauter und oberflächlicher wird, sind diese Zeichnungen mein Versuch, die Stille und die tiefe Konzentration meiner Jugend zurückzugewinnen. Wenn ich Rubinstein zeichne, höre ich das Knistern der alten Schallplatten und finde jenen Ort wieder, an dem die Welt verschwindet und nur noch die reine, unbestechliche Schönheit der Musik bleibt.“
Portrait in Tusche: In einer Welt, die Michel Foucault als ein Geflecht aus Überwachung und Ordnung beschrieb, wird das Individuum oft zum bloßen Objekt degradiert. Der Blick der Macht ist klinisch, vermessend und unpersönlich; er klassifiziert den Menschen nach Nützlichkeit, Gehorsam und Norm. Es ist ein Blick, der keine Seelen sucht, sondern Akten füllt. Wer sich diesem System entzieht, wer die Wahrheit jenseits der verordneten Narrative sucht, wird markiert, zensiert und unter die Lupe einer unsichtbaren Instanz gestellt.
Doch hier, im Canto Infinito, bricht die Kunst diese Kette der Kontrolle. Diese Porträts sind kein Teil des Panoptikums. Sie sind Akte einer radikalen Gegen-Überwachung. Während das System versucht, diese Menschen zu Nummern oder „Fällen“ zu machen, gibt die Rötelzeichnung ihnen ihre unantastbare Singularität zurück. Ein Porträt ist bei Foucault der Moment, in dem die Macht an ihre Grenze stößt: Denn die Tiefe eines Blickes, die Furchen eines gelebten Lebens und die Entschlossenheit eines Geistes lassen sich nicht verwalten.
Dieser „unendliche Gesang“ der Gesichter ist ein Zeugnis der Unbeugsamkeit. Wir schauen hier nicht zu, um zu kontrollieren, sondern um zu erkennen. Wir entreißen die Porträtierten dem kalten Licht der Überwachung und stellen sie in das warme, ewige Licht der menschlichen Würde. Jede Linie ist ein Widerstand gegen die Normierung, jedes Antlitz ein Beweis für die Freiheit, die sich niemals ganz erfassen lässt.
In seinem Hauptwerk unterscheidet E. Fromm zwischen dem „Haben-Modus“ (Besitz, Gier, Kontrolle) und dem „Sein-Modus“ (Lebendigkeit, Teilen, schöpferisches Tun). Wahre Kunst ist für ihn der reinste Ausdruck des Seins. Ein Porträt zu zeichnen bedeutet, die lebendige Seele zu bezeugen, statt nur ein Bild zu „besitzen. Fromm glaubte, dass jeder Mensch ein eingebautes Bedürfnis hat, schöpferisch zu sein. Kunst ist der Weg, wie wir unsere Einsamkeit überwinden, ohne unsere Freiheit aufzugeben. Er kritisierte, dass moderne Menschen oft „blind“ durch das Leben gehen. Kunst lehrt uns, den anderen Menschen wirklich zu sehen – in seiner ganzen Tragik und Schönheit.